Das Sandskulpturen-Festival auf Rügen 2014

Spannende Geschichtsstunde in Binz

Zeitreise durch die deutsche Geschichte mit dem Sandskulpturen Festival

Das mit der Schule ist so eine Sache – meistens empfinden Kinder sie eher als Last, denn als Lust. Besonders an den Geschichtsunterricht haben auch wir Erwachsen oft keine guten Erinnerungen. Ausnahmen bestätigen die Regel: eine Lehrerin, die besonders spannend berichten konnte oder ein Thema, das wir mit unseren eigenen Erfahrungen verbinden konnten. Einen Geschichtsunterricht, der lehrreich und noch dazu unterhaltsam ist, können Kinder derzeit zum Sandkulturen Festival in Binz erleben. Staunenden stehen die Kleinen vor den riesigen Kunstwerken, die Figuren und Situationen der deutschen Geschichte darstellen oder berühmte Märchenfiguren. Der Vergleich mit den eigenen Sandburgen im Ostseestrand hält nicht – doch das Erlebnis stachelt an, noch besser zu werden. Die Skulpturen im Binz – übrigens 2014 das größte Indoor-Ereignis weltweit – wurden von 50 Künstlern aus aller Welt direkt im Ostseebad gebaut und sind noch bis zum 9. November zu sehen. Ihr Material ist kein schnöder Ostseesand – der wäre nicht geeignet, denn er ist zu rund. Für die perfekte Illusion ist scharfkantiger Sand nötigt, der „stapelbar“ ist und sich zu festen Blöcken pressen lässt. Diese sind das Ausgangsmaterial für die „Carver“, wie die Sandkünstler auch genannt werden. Eltern sind selber so gefesselt von den 49 Bildern der deutschen Geistesgeschichte, dass ihnen komplett entgeht, dass auch die Kleinen nun plötzlich von Geschichte begeistert sind. Beim großen Rätselraten, um wen es sich handelt sind sie oft schneller und beweisen damit, dass sie im Geschichtsunterricht aufgepasst haben. Zusätzlich zu dem positiven Lerneffekt und der Faszination der Umsetzung, können die Kids sich im Spielzelt auch selber als Sandkünstler versuchen. „Sculptura Projects“, der Veranstalter des beliebten Großereignisses hat eigens ein Spielzelt bereit gestellt, in dem die Kinder bauen können, während ihre Eltern entspannt auf der Sonnenterrasse sitzen und die Erlebnisse Revue passieren lassen. Dabei begegnen sie Neandertalern, John F. Kennedy und Pumuckl, sie besuchen den Kölner Dom, die Berliner Mauer und die Loreley und versuchen sich an die Leistungen von Gutenberg, Einstein und Bach zu erinnern. Innerhalb von 4 Wochen wurden 16 000 Tonnen Sand verarbeitet – viel Können und Kraft waren nötig, um die Skulpturen herzustellen. Nun leben sie weiter, die Helden deutscher Geschichte, die grundlegenden Ereignisse und die faszinierenden kulturellen Leistungen in den Köpfen der Kinder und im Denken der Erwachsenen.

Kunst aus Sand und Wasser

 

Von großer Poesie sind die Sandzeichnungen der Indianer, schon die alten Ägypter haben vor mehr als 6000 Jahren Skulpturen aus Sand gebaut. Nichts als Sand und Wasser bilden auch die Grundlage der atemberaubenden Skulpturen, die in diesem Sommer in Binz zu sehen sind. Wer je versucht hat, aus Ostseesand ein Märchenschloss zu bauen, der weiß wie eigensinnig die matschige Mischung sein kann. Doch hier sind Profis am Werk! Sie kommen aus Finnland, Ungarn, Großbritannien, Russland und der Ukraine und sie sind stark. Denn besonders die Vorbereitungsarbeiten zu den mächtigen Skulpturen kosten Kraft. Dass auch Frauen richtig zupacken können, beweisen die drei Ladies im Club.

Doch Kraft ist nicht alles. „Sandkünstler benötigen vor allem ein gutes Gefühl für Proportionen. Dazu gehört Talent – aber auch viel Erfahrung!“ sagt Thomas van den Dungen, der das Sandskulpturen Festival auf Rügen vor 5 Jahren initiiert hat. Dazu kommt künstlerisches Können. Die Skulptur von Albert Einsteins berühmtem Gesicht mit ausgestreckter Zunge, lebt von der bösen Geste. Doch Martin Luther oder Johann Wolfgang Goethe umzusetzen, erfordert ein Gespür für den richtigen Ausdruck. Bei anderen Werken, wie der Zeche Zollverein aus Essen oder dem Hermanns Denkmal zählen eher präzises Arbeiten und die Vorstellungkraft.

„Nur wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart verstehen und die Zukunft gestalten.“ Nach diesem Sinnspruch von August Bebel ist auch das diesjährige Sandskulpturen Festival gestaltet. Im Mittelpunkt steht die deutsche Kulturgeschichte. Mit mehr als hundert Skulpturen, die in 49 Bilder eingebunden sind, werden Höhepunkte der geschichtlichen Entwicklung dargestellt, die im öffentlichen Bewusstsein verankert sind. Die Himmelsscheibe von Nebra wurde ebenso gestaltet, wie Derrick und der deutsche Krimi, John F. Kennedys berühmte Rede „Ich bin ein Berliner!“, neben dem Bremer Roland und der Augsburger Puppenkiste. Die Sendung mit der Maus kennt jeder und nicht nur Kinder freuen sich über diese Wiederbegegnung der sandigen Art, auch Erwachsene erinnern sich wehmütig an ihre Kindertage. „Eine Zeitreise durch die deutsche Geschichte“ – so lautet das Motto des Sandskulpturenfestivals 2014, das noch bis 9. November zu sehen ist. Und selten hat Kulturvermittlung so viel Spaß gemacht. Klar – man kann im Programmheft nachlesen, wofür die Figuren und Gebäude stehen. Doch viel spannender ist es, sich mit der ganzen Familie auf ein Ratespiel zur deutschen Geschichte zu begeben.

Die Sandskulpturen werden in einem Zelt gezeigt – doch eigentlich nur, damit die Besucher nicht nass werden, sollte es einmal regnen. Für die Figuren aus Spezialsand sind Wind und Wetter kein Problem. Das liegt daran, dass die Künstler „jungen“ Sand verwenden und nicht den durch Jahrtausende vom Meer rundgeschliffenen Sand der Ostseeküste. Dieser Spezialsand kommt aus der Maas in Belgien und er ist eckig! Nur so lässt er sich mit Wasser fest verpressen zu großen Blöcken, aus denen anschließend die Skulpturen geschnitten werden. Mit „Tools“ und „Tooltjes“ wurde gearbeitet. Man ahnt, es gibt Werkzeug für die großen und für die feinen Arbeiten. Dazu alles, was sich finden lässt. Im Werkzeugkoffer eines echten „Carvers“ gibt es Schaufeln, Teppichmesser, Maurerkellen, Pinsel und vieles mehr. Das Arbeiten ist kräftezehrend, doch auch ein großartiges Gemeinschaftserlebnis.